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Der Geist der Mirabelle (Geschichten aus bollerup) 1979
Inhalt Man sollte einige Stichworte vorauswissen: In Bollerup heißen fast alle Feddersen. In Bollerup sind ziemlich viele im Besitz von Dickschädeln. Eine Feindschaft zweier Familien kann in Bollerup generationenlang bis ins Irrationale gehen. Aber auch die menschliche Zuneigung geht hier seltsame Wege. Konsequenz wiegt manchmal die Schnelligkeit des Denkens auf, zum Beispiel, als auf einem Bauernhof die Frage auftaucht, ob nun eigentlich die Kühe auf dem Weg zur Weide links oder rechts geführt werden müssen. Wahrheitsliebe und Wissensdurst sind in Bollerup noch kein leerer Wahn, sondern zeitigen manchmal drastische Folgen. Den Poemen einer Bauerndichterin kann man im prall gefüllten "Mühlenkrug" lauschen und sehen, wie genau es die Bolleruper auch mit der dichterischen Realität nehmen. Eine kommunalpolitische Wahlveranstaltung zeigt einen Kandidaten, auf den nur ein Bolleruper kommen kann, nämlich den ebenso ausgeglichenen wie schweigsamen Waldarbeiter Fiete. Viele Wege führen nach Rom, aber sicher hat sich noch niemals jemand einen so umständlichen (scheinbar listigen) ausgedacht, eine Sau schlachten zu lassen, da auch in Bollerup die Dekadenz schon so weit fortgeschritten ist, dass keiner mehr die Hausschlachtung beherrscht. Ein Landarzt wird zu einem medizinisch einmaligen Unglücksfall gerufen: Auch hier - wie bei vielem - ist hochprozentiger Mirabellengeist im Spiel. Die älteste Einwohnerin des Ortes, die 92jährige Birte, soll ausgerechnet von zwei naseweisen, klugschnackenden Stadtreportern, die ohnehin den Gasthof und das ganze Dorfleben durcheinander bringen, befragt werden, warum es ihr in dem Alter noch so großartig geht. Mit großer Entstellungskraft entzieht sie sich der gefürchteten Befragung, und erst gegen Schluss erfahren die beiden die Gründe dieser Flucht und das Geheimnis von Birtes Vitalität.
Man soll nicht zuviel versprechen, aber der "Geist der Mirabelle" bringt es sogar fertig, aus einem vom Mäher abgetennten Bein keinen Medienfall in Sachen Brutalität, sondern eine lustige Angelegenheit zu machen.
Wie gesat, man findet Bollerup nirgends, aber man studiert mit Lenz und seinem Bearbeiter und Regisseur noch am ehesten in der schleswig-holsteinischen Landschaft. Man spürt vielleicht auch in dem einen oder anderen drastischen oder plastischen Bild ein Stückchen Bollerup in sich selbst, so wie auch nicht von ungefähr oft die feinsinnigsten Menschen die derbsten Brueghels mit Verve betrachten. (Peter Göbbels)
Ein Lenz zum Fest Nicht vom weihnachtlichen Anlass her, sondern eher als kleines Geschenk für den Gabentisch kommen die "Geschichten aus Bollerup" von Siegfried Lenz am Heiligabend daher. Sie sollen Unterhaltung bescheren, literarische Unterhaltung, aber nicht vom hohen Roß, sondern aus der gemütlicheren Ecke schnurrigen Erzählens. Man weiß, dass viele alleinstehende Menschen gerade am Heiligabend "sehbereit" (sprich "sehgezwungen") sind - warum sie also nicht anderthalb Stunden lang der gewissen Peinlichkeit oder Blockierung dieser Situation bewusst entheben und sie mit uns zu Gast sein lassen in einem etwas verschrobenen norddeutschen Dorf, das man auf der Landkarte wohl vergebens sucht, aber über dessen Naivität und menschliche Schwächen man hoffentlich bundesweit und ungeographisch zu lachen vermag. Für den, der gerade in der letzten Adventswoche schon etwas zuviel des "Weißen" oder des "rieselnden Schnees" gehört hat, mag noch ein willkommener Kontrapunkt dadurch entstehen, dass der Film mehr in spätsommerlich-herbstlicher Zeit spielt, einer Zeit also, in der das Auge trunken ist von Farben. Von dieser Farbigkeit soll er, bunt wie Christbaumkugeln, den einsamen oder in der Familie gemeinsamen Sehern etwas ins still gewordene Zimmer bringen. Zu keiner Zeit lässt sich ja besser - auch vom Sommer - erzählen als im Winter. Die Ursituation des Erzählens, in der beim warmen Ofen die Großmutter (ohne Siegfried Lenz zu nahe treten zu wollen) den Kindern und Erwachsenen Märchen oder Geschichten erzählt, ist selbst für den verstädterten Intellektuellen noch als heimliches Grundgefühl vorhanden.
(Quelle: Broschüre Das Fernsehspiel im ZDF, Dezember 1978 - Februar 1979, Heft 23, Seite 19-22, herausgegeben vom Zweiten Deutschen Fernsehen, Informations- und Presseabteilung)
Layout: Rosemarie Kuheim - Deutsches Filmhaus Aktualisiert am 21. Januar 2026
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