Ulrich Edel zu seinem Film

    

Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

  

  

 

 

Mit Laiendarstellern zu arbeiten - besonders mit Kindern - bringt natürlich bestimmte Schwierigkeiten mit sich. Die Kinder in diesem Film, die meisten sind zwischen 13 und 14, der Älteste war 18, hatten überhaupt keine Erfahrungen mit Spielen! Ich wollte keine Werbejungen haben, Kinder, die irgendwo mal was gemacht haben. Keinen, den man kannte.

Man kann nur auf eins bauen, nämlich auf die Spielfreude. Das Thema ist ja sehr prekär. Welche Freude kann man ihnen abluchsen, einen Fixer zu spielen? Mit gesenkten Augenlidern sämtliche Auswirkungen darzustellen, wie "turkey" dann die erotischen Liebesszenen zwischen Natja und Thomas, die schwierigen Szenen auf dem "Baby-Strich", wo Christiane anschaffen geht. Szenen mit Freiern im Auto. Dinge, die auch an einen ausgebildeten Schauspieler extreme Anforderungen stellen. Das hätte vorausgesetzt, dass ich mit den Kindern mindestens vier Wochen proben müsste. Zumal man, wenn man mit Laien dreht, sowieso eine längere Probezeit braucht, bevor man mit der Kamera kommt. Das war für uns überhaupt nicht mehr möglich. Wir haben noch während der Dreharbeiten Tests gemacht, und die Kids kamen an den Drehort und mussten drehen!

Ich habe ihnen dann einfach während des Drehens jede Szene erklärt. Genau die körperlichen Auswirkungen und Krämpfe beim "turkey" erklärt und vorgespielt, und sie haben es dann einfach nachgespielt. Ich bin an die Laien herangetreten, indem ich versucht habe, ihren Spieltrieb zu aktivieren. Die schrecklichsten Szenen haben sie dann doch mit einer gewissen Spielleidenschaft gemeistert. Sobald die Kamera aus war, lachten sie darüber. Das war sehr wichtig. Ich wollte auf keinen Fall irgendeine Identifikation mit den Rollen haben, sondern Spiel, wie es den 13- bis 14-jährigen - Gott sei Dank - noch möglich ist.

 

Gut waren sie alle! Ich war überrascht, wie überzeugend die Kinder die Sachen gebracht haben. Es war keiner dabei, der auch nur auf einer Schulbühne mal gespielt hatte. Die größten Anforderungen wurden natürlich an die Hauptdarstellerin gestellt. Natja, auch Tommy, der den Detlef spielt, waren exzellent. Natja ist klug, schlank, schön und unglaublich diszipliniert. Und sie besitzt eine extreme Konzentrationsfähigkeit. Sie ist wirklich ein Glücksfall. Sie hat sich schon nach wenigen Tagen eine Professionalität angeeignet, die selbst bei erwachsenen Schauspielern selten zu finden ist. Sobald eine Szene abgedreht war, war sie wieder ganz sie selbst, spielte Seilhüpfen oder ist auf den Steinfliesen herumgehüpft. Sobald die nächste Einstellung dran war, hat sie wieder die abgebrühte Kinderprostituierte gespielt. Das war toll! (Quelle: Kino - Bundesdeutsche Filme auf der Leinwand 1981/82, herausgegeben von Robert Fischer, Verlag Monika Nüchtern, München)

 

  

 

 

 

 

 

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: 06/2010