Der Knick 1987
Filmliste Joachim Roering
Inhalt Ganz unvermittelt ein Schmerz in der Schulter. Eigentlich nicht schlimm, aber dann immer wieder und immer öfter. Signal einer Krankheit? Einer ernst zu nehmenden? Der Verleger Söberlin, dreiundfünfzig, seit vielen Jahren reich verheiratet, verliebt sich in die junge Journalistin Olga just zu dem Zeitpunkt, da er diesen Schmerz bewusst wahrnimmt. Dabei ist er keineswegs ein eingebildeter Kranker, dieser Dr. Söberlin, sondern ein gebildeter, ein kritischer Rationalalist: Er geht grundsätzlich nicht zum Arzt, bevor er nicht ganz genau weiß, was ihm feht, denn seine Gesundheit ist ihm zu kostbar, um als Spielmaterial für Apparatediagnostiker und Organmechaniker zu dienen. Doch seine Skepsis gegenüber den etablierten Ärzten wirkt noch milde im Verhältnis zu der zornigen Ablehnung, mit der er allen neben oder jenseits der Schulmedizin angesiedelten Heilern und Helfern gegenübertritt. Vom Esoterischen über Okkulte zum Obskuren verläuft in seinen Augen eine überzeugende Linie des organisierten Betrugs, fest begründet auf der menschlichen Dummheit, die Not der Hilflosen schamlos ausnutzend.
Dr. Söberlin, ironisch-witzig, ein Charmeur dazu, hat also die besten Voraussetzungen, weder dem falschen Arzt noch dem kriminellen Scharlatan in die Hände zu fallen. Aber da ist dieser blöde Schmerz, immer im falschen Moment, und da ist Olga, apart, leise, liebend und liebenswürdig zweifelnd an dem festgelegten Weltbild des Rationalisten. Sie trifft Söberlin scheinbar spielerisch voll ins Ego, als sie seine Arroganz gegenüber der medizinischen Unzulänglichkeit beim Namen nennt: "Angst, du hast Angst." Weil er diesen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen kann und weil die Angst auch immer stärker wird, je mehr er über seine vermeintliche Krankheit nachliest, entschließt sich Söberlin zu dem langen, qualvollen und entwürdigenden Marsch durch die medizinischen und paramedizinischen Institutionen. Dass er, der Rationalist, sich auf diesem Weg plötzlich unter den Händen eines Wunderheilers wiederfindet, diese Einsicht bewirkt den "Knick" in seinem Selbstverständnis.
(Quelle: Broschüre "SPIEL IM ZDF", Heft 3, März 1988, herausg. Zweites Deutsches Fernsehen, Information und Pressearbeit)
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