Hauptsache leben ...

1983/84

 

Filmliste Diethard Klante

 

  

  

Regie

Diethard Klante

Drehbuch

Diethard Klante

Vorlage

-

Produktion

Artus-Film

Kamera

Rolf Paulerberg

Musik

Peter Fischer

FSK

-

Länge

-

Sonstiges

-

Auszeichnung

-

Ur-/Erstaufführung

12.12.1983

Genre

Fernsehspiel

      

    

  

Darsteller

Rolle

Franziska Walser

Christine

Lambert Hamel

Franz

Philipp Arp

Walter

Ignaz Kirchner

Othello

Carolin Weber

Kathi

Kyra Mladeck

Kerstin de Ahna

Horst Sachtleben

Karl Renar

Kurt Raab

Richard Beek

Helmut Stange

Peter Herzog

Aenne Nau

Franziska Stömmer

Gisela Kade

Irmhild Wagner

      

     

   

       

Inhalt  

 

Von den Grenzen der Zumutbarkeit

  

München 1973: Eine junge Frau begeht Selbstmord. Sie weiß nicht mehr, wie sie ihre Miete bezahlen soll und wie ihr Kind ernähren. Wegen einer Nichtigkeit war sie im Gefängnis; seit dieser Zeit ging es mit ihr bergab. Sie hinterlässt einen Abschiedsbrief: "...wer einmal vorbestraft war, wird nun mal als Verbrecher abgestempelt. Und wenn mich alle Welt so einschätzt, will ich diese Meinung nicht revidieren. Das klingt verrückt und betrunken, aber es ist so. Ich kann einfach nicht mehr, ich kann nicht mehr in der ständigen Angst leben, dass mir mein Kind weggenommen wird... Ich habe versucht, es 'mitzunehmen'. Aber ich kann ihm nicht wehtun..., kann nicht über sein Leben entscheiden... Vielleicht wird man zum Schluss, das heißt, wenn man sich mit dem Gedanken trägt (und ich habe das wochenlang), sich umzubringen, wirklich rachsüchtig. Ich habe Herrn..."

  

Sommer 1970: Wir haben Besuch von einem zwölfjährigen Mädchen, das seit seiner Geburt gehörgeschädigt ist. Es kann nur unvollkommen und undeutlich sprechen. Wir reden über seine Zukunft. Das Mädchen wird es schwer haben. Es lächelt und sagt: "Hauptsache: leben...".

  

Bundesrepublik Deutschland 1971

Aus einem neurologisch-psychiatrischem Gutachten:

"... dann schildert der Kläger seine Verfolgungserlebnisse. Er gab an, in seiner Kindheit als Judensau beschimpft und heimtückisch bis zur Bewusstlosigkeit von Jungen des Dorfes geschlagen worden zu sein. Er habe sich ständig verfolgt und bedroht gefühlt...

Legt man allgemeinverbindliche Maßstäbe und Proportionen zugrunde, die wir aufgrund vieljähriger gutachterlicher Erfahrung immer wieder unter Beweis gestellt haben, waren die Verfolgungserlebnisse des Klägers keineswegs schwer oder gar besonders schwer. Wenn man objektiv und nüchtern zusammenfasst, bleiben nur Beschimpfungen und Tätlichkeiten seiner Mitschüler übrig... Beschimpfungen und Tätlichkeiten gibt es unter Jugendlichen überall..."

  

Drei Menschen leben in einer abbruchreifen Altbauwohnung in München zusammen.

Das ist die Ausgangssituation meines Fernsehfilms Hauptsache: ... leben. Franz-Joseph, ein Halbjude, der noch heute auf Wiedergutmachung hofft, Christine, die ihr uneheliches Kind in einem Gefängnis zur Welt gebracht hat und keine Arbeit findet, Walter, der mit fünfzig Jahren seiner Familie davongelaufen ist.

  

Bundesrepublik 1983

Drei Menschen, die gescheitert sind und sich nun aneinanderklammern.

Drei Menschen am Rad unserer Gesellschaft. Menschen, die trotz aller Not eine unvernünftig spontane Sinnlichkeit besitzen, die wissen, dass sie verloren haben, die aber auf ein Wunder hoffen, das Leben heißt. Keine Märtyrer. Was sie tun, sich oft rücksichtslos gegen die anderen, unsympathisch und egoistisch. Sie wollen keine Sozialfälle sein. Ihre Einsamkeit ist groß. Ich mag sie sehr.

  

Beat Alder ist nach der Scheidung seiner Eltern in Kinder- und Erziehungsheimen aufgewachsen. Mit neunzehn Jahren sitzt er zum erstenmal im Gefängnis. Er schreibt in seinen Aufzeichnungen: "Nicht der Besitz der Wahrheit, sondern die Mittel und Wege, mit denen sie der Mensch sucht, macht seinen Wert aus."

So ähnlich steht es schon bei Lessing. Die Gescheiterten, die Kaputten, die Verzweifelten, die Verrückten, die Versager: in ihrer Existenz offenbart sich für mich etwas, was den Normalen und Angepassten fehlt: Wirklichkeit... Leben... die Suche nach Wahrheit.

  

Von wieviel Leid darf man in einem  Fernsehspiel erzählen? - Wo liegen die Grenzen und die Zumutbarkeit?

Unser Alltag funktioniert oder besser: Wir funktionieren in unserem Alltag durch einen mehr oder weniger perfekten Mechanismus des Vergessens. Um normal zu bleiben, muss ich vergessen, dass Millionen Kinder verhungert sind und verhungern bei einer Überproduktion an Nahrungsmitteln (und während es mir gut geht), ich muss den tödlichen Wahnsinn des Wettrüstens vergessen und die täglich wachsende Bedrohung des Friedens in Europa ... vergessen, verdrängen, vergessen ... meine Hilflosigkeit, meine Wut ... und nicht nur ich, auch mein Staat scheint daran interessiert, und das Fernsehen soll ihm dabei helfen. Je bedrohlicher die Situation, in der wir leben, umso fröhlicher werden die Fernsehspiele.

  

Wer einen Roman verstehen will, der etwas sagt, muss sich anstrengen. Das gleiche gilt für ein Theaterstück, für einen Film... Es sollte auch für ein Fernsehspiel gelten dürfen. Es ist anstrengend, sich mit einem anderen Menschen zu beschäftigen. Das ist in der Fiktion so, im Spiel wie in der Realität. Gewisse Dinge sind nicht ohne Anstrengung zu haben. Kostet es doch schon Mühe, sich mit seinen Kindern zu befassen - oder mit seinen Eltern. Aber ohne diese Anstrengung ist unser Leben ärmer. So wie es ärmer ist, wenn ich alles verdränge und vergesse, was meine Ruhe stört. Die Ruhe zu stören und vom Leben zu träumen, das ist, was wir tun als Autoren, Schauspieler, Regisseure...

  

Die Grenzern der Zumutbarkeit. Es geht nicht darum, dem Zuschauer seine Entspannung am Feierabend zu vermiesen - es geht darum, dass Unterhaltung, die alles, was uns beunruhigt, verdrängt, die nur noch heiter sein will und ohne Anstrengung konsumierbar, dem Zuschauer etwas zumutet, was die Grenzen der Zumutbarkeit übersteigt. Es gibt auch einen Terrorismus der Fröhlichkeit. Er amputiert unsere Sinne und unseren Verstand.

 

Gegen diese Zumutung, die uns verachtet, sollten wir uns wehren.

Pöcking, 8. Juni 1983, Diethard Klante

 

(Quelle: Das Fernsehspiel im ZDF, Information und Presse/Öffentlichkeitsarbeit, Heft 43, Dezember 1983 bis Februar 1984)

  

  

  

  


  

 

 

  

   

   

   

   

   

   

    

   

   

  

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: 1. Juni 2016

  

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