Zeit der Stille

1986

 

Filmliste Thorsten Näter

  

   

   

 

Regie

Thorsten Näter

Drehbuch

Thorsten Näter

Produktion

Thorste Näter-Film, Berlin

Kamera

Petrus van den Reek

Schnitt

Thorsten Näter

Redaktion

Hans Kutnewsky

Musik

Archiv

Länge

83 Minuten

Sonstiges

Ein Film ohne Dialoge...

Auszeichnung

Die Jury der Evangelischen Filmarbeit befindet diesen Film als "Film des Monats" (Dezember 1987)

FBW

Besonders wertvoll

Genre

Lief im ZDF unter der Rubrik "Das kleine Fernsehspiel"

      

    

  

Darsteller

Rolle

Irina Hoppe

Johanna
Pavel Sacher Stefan
Günther Ehlert Stefans Vater
Eva Maria Sperling Stefans Nachbarin
Günther Kauk Kontrolleur
Maria Paszek Tote Frau
Manfred Stelzer 1. Pfleger
Klaus Volkenborn 2. Pfleger
Thomas Jarocki Küchenchef
Wolfgang Strack Stefans Kollege

      

      

 

Inhalt

Der Film spielt im Berlin der Vorweihnachtszeit. Es ist die Geschichte von Stefan, der seine Arbeit verliert, und von Johanna, der Krankenschwester, die gerade von ihrem Freund verlassen worden ist. Beide lassen sich durch die Stadt treiben, haben flüchtige Begegnungen, bemerken einander aber nicht, obwohl sich ihre Wege immer wieder kreuzen.

Zeit der Stille ist ein Film ohne Dialoge, bis sich Stefan und Johanna schließlich doch begegnen und das einzige Gespräch im ganzen Film stattfindet.

ZEIT DER STILLE ist die Geschichte einer Reise durch eine Stadtlandschaft, zu einer Zeit, so alles auf der Stelle tritt und wartet, nur manchmal mühsam angetrieben vom hektischen Verkaufswillen der Supermärkte und Kaufhäuser.

 

Diesen Film drehen hieß: Teilnehmer sein an dieser Reise. Eine Stadtrundfahrt durch das Alltägliche, ohne Trennscheibe, Einsamheit im Fahrpreis inbegriffen.

Der Aalverkäufer vor Bilka in der Müllerstraße, ein großer Mime, ist Theaterdirektor und Darsteller in einem: "Was woll'n Sie für den hier geben? Das ist kein Aal, das ist ein U-Boot!" Er wird umlagert von einem Heer alter Frauen mit großen Handtaschen. Ab und zu lässt er einen Aal springen. Dann öffnen die Handtaschen für eine Sekunde ihr großes Maul, eine Plastiktüte erscheint, ein Rollgriff, und der Aal ist verschwunden. Wer was haben will, muss ein Weihnachtslied singen, aber die meisten genieren sich. Der Aalverkäufer hat eine große Seele, er verschenkt trotzdem.

 

Nach zwei Stunden sind es immer noch dieselben Frauen mit denselben hungrigen Gesichtern.

Am Abend erzählt uns der müde Alleinunterhalter, dass es ihm keinen Spaß mehr macht; man kann nicht immer für die ganze Stimmung allein sorgen. Aber am nächsten Tag spult er sein Programm wieder ab, ungebrochen, vor ähnlichen Frauen mit ähnlichen Taschen.

 

ZEIT DER STILLE ist ein Film über das "trotzdem Weitermachen". Über die, die den Kopf nicht hängenlassen können, weil ihnen das Wasser ohnehin schon bis zum Hals steht.

Drehen in Berlin-Wedding. Abenteuerurlaub inmitten des Üblichen. Der Wedding, seit eh und je Arbeiterbezirk. Nach einer Weile fällt uns auf: immer wieder und viel zu oft Menschen an Krücken, im Rollstuhl, mit Blindenbinden. Liegt das an uns? Sind wir versessen darauf, so etwas aufzunehmen? Ein Blick über die Schulter: nein, es stimmt, wie sind eingekreist von Versehrten. Fragt man nach: meistens Arbeitsunfälle. Die Früchte der Arbeit, eine erschreckende Bilanz, auffällig aber nur für uns, weil die Kamera uns den Blick eng macht. Für die anderen: Alltag, Teilnehmer am Leben wie die anderen, mehr vielleicht als anderswo.

 

Cafeteria im Kaufhaus Bilka. Alte Menschen, manche in Hausschuhen, schlurfen ab uns zu zum Tresen, weniger um etwas zu essen, als um sich ihren Platz zu erhalten. Einsamkeit pur. Aber nach einigen Tagen versteht man, dass hier keiner wirklich allein ist. Viele kennen sich, und: Immerhin ist man hier weniger allein als zu Hause. Man beobachtet, man nimmt teil.

 

ZEIT DER STILLE ist ein Film über den Mut der Einsamen, über die rasche Bewegung, die Kälte vertreiben soll und über den raschen Blick, der versucht, andere Blicke einzufangen.

Beim Drehen lernen wir selber viel über das, was wir filmen. Was am Anfang als Dekoration gedacht war für eine Erzählung, ist die Erzählung selbst. Die Dekoration sind vorerst wir, abe wir lernen. Alles um uns herum hat seine eigenen Gesetze, die vor uns da waren und die sich nicht ändern für uns. (ff)

 

Quelle: Broschüre "Spiel im ZDF", Heft 7, Juli 1986, herausg. Zweites Deutsches Fernsehen, Information und Presse/Öffentlichkeitsarbeit

 

  

  

 

  

   

   

   

   

   

   

    

   

   

  

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: .2024

  

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