Menschenfresser

1977

 

Filmliste Rainer Boldt

 

  

  

Regie

Rainer Boldt

Drehbuch

Bernd Schroeder und Gerd Schneider

Regie-Assistent

Wilfried Dotzel

Produktion

Polyphon Hamburg, ZDF

Kamera

Gero Erhardt

Musik

Graziano Mandozzi

FSK

-

Länge

95 Minuten

FBW-Prädikat

Besonders wertvoll

Auszeichnung

-

Ur-/Erstaufführung

-

Genre

Kriminalfilm

      

      

  

Darsteller

Rolle
Hans Peter Korff Wilm  Reinhardt
Hans Helmut Dickow Karl Bergmann
Monica Bleibtreu Hanna Kreuth
Ulrich von Dobschütz Heiner Kreuth
Evelyn Meyka Hedwig Seibold
Heinz G. Lück Fritz Seibold
Erla Prollius Luise Koch
Peter Vilnai Jens Hansen
Werner Berndt Dr.Zurbrück
Hans Häckermann Staatsanwalt Gethmann
Günther Dockerill
Joachim Richert
Jan Aust
Robert Fritz
Harald Pages
Werner Veigel
Irmgard Auhage

  

       

Inhalt

In einer Kleinstadt, in der in zwei Jahren vier Mädchen verschwunden sind, wächst die Hysterie der Bevölkerung. Die Polizei verhaftet unter dem Druck der Öffentlichkeit einen zwar eigenbrötlerischen, aber unbescholtenen jungen Mann, der sich nur mit Kindern gut versteht. Unter der Belastung der dauernden Verhöre und des Abfalls seiner Verwandten veranlasst der Schuldlose selbst eine psychiatrische Untersuchung. Ein Film, der zum Nachdenken provoziert. (Quelle: Lexikon des Internationalen Films - CD-ROM)

  

  

In einer deutschen Kleinstadt sind im Verlauf der letzten Jahre vier Kinder verschwunden, zuletzt ein zehnjähriges Mädchen. Die Polizei glaubt zunächst an Unfälle. Da jedoch trotz intensiver Suche nur eine Leiche gefunden wurde, kommt der Verdacht auf, die Kinder könnten Opfer eines Sexualtäters geworden sein. Lokalpresse und Regionalfernsehen machen auf den möglichen Zusammenhang der vier Fälle aufmerksam, und es kommt zu Angstreaktionen und Protesten in der Bevölkerung. Aufgrund einer allzu saloppen Bemerkung des Leiters der örtlichen Kriminalpolizei, Bergmann, formuliert eine Boulevardzeitung in der Schlagzeile sogar die Vermutung, ein "Menschenfresser" treibe sein Unwesen.

Die Polizei will und muss der Öffentlichkeit so schnell wie möglich einen Täter präsentieren. Kripochef Bergmann und seine beiden engsten Mitarbeiter wenden zum ersten Mal ein neuartiges Eliminationsverfahren an, und im Fahndungsnetz bleibt ein Verdächtiger hängen: Wilm Reinhardt, ein stadtbekannter "Sonderling". Wilm ist noch ein junger Mann, gebildet und aus gutem Hause, menschenscheu außer gegenüber Kindern, der sich mit Gelegenheitsarbeiten wie Zeitungaustragen durchschlägt und in einem Abbruchhaus wohnt. Er hat eigenwillige Ansichten über Leben und Umwelt, die ihm den Ruf eines "Spinners" eingetragen haben; nahezu seine einzigen Freunde sind die Eltern des verschwundenen Mädchens.

Wilm wird verhaftet; er ist zwar verwirrt, ist dann zunächst durchaus "kooperativ", aber er gesteht nicht, trotz der "erdrückenden Beweislast". Seine Verwandten lassen ihn fallen, selbst seinen Freunden kommen Zweifel. Die dauernden Verhöre zermürben Wilm schließlich so, dass er um eine psychiatrische Untersuchung bittet. (Quelle: Robert Fischer/Doris Dörrie Jahrg. 1978: Kino - Bundesdeutsche Filme auf der Leinwand, Verlag Monika Nüchtern, München)

 

 

"Menschenfresser, das ist die Geschichte eines Mannes, der in den Verdacht geriet, Kinder umgebracht zu haben und durch die Mangel der öffentlichen Hysterie und des polizeilichen Erfolgszwanges gedreht wurde. Ein Stoff für ein Drehbuch? Arbeitsteilig wollten wir die Sache angehen: Bernd Schroeder, zuständig für die Geschichte, die Dialoge, die Dramaturgie; ich für alle anfallenden journalistischen Recherchen. Es kam natürlich alles anders. Teamwork auf der ganzen Linie. Möglich wurde diese Arbeitsweise durch stundenlange Gespräche, durch verteiltes Rollenspiel. Manchmal ging die Identifikation mit unseren Figuren so weit, dass wir nahe daran waren, selbst vor Tätlichkeiten nicht zurückzuschrecken. Alles wurde auf Kassette mitgeschnitten. Gewiss, vieles war nicht brauchbar, die Bänder mussten >eingedampft< werden, aber sie vermittelten uns immer zwei wichtige Dinge: Atmosphäre, wie sie bei der stillen Arbeit an der Schreibmaschine nicht entstehen kann, und sie lehrten uns eine Umgangssprache, die sich erheblich von jenen gedrechselten Sätzen unterscheidet, die nur das geduldige Papier zulässt. Wer spricht schon Kommata? (Inzwischen habe ich den Verdacht, dass es Schauspieler auch dann tun, wenn keine gesetzt sind. Umgangssprache lässt sich nur schwer vorschreiben, jeder hat seine eigene.) 

Nützliche Erfahrungen für einen Journalisten, der angesichts der Nachrichtenflut auf seinem Schreibtisch zu leicht der Verlautbarungssprache anheimfällt. Und noch eine Erfahrung: so zu schreiben, dass man Bilder daraus machen kann. Rainer Boldt war von Anfang an mit dabei, nicht ständig, aber immer wieder. Stets die gleichen Fragen. Vor allem: Stimmen wir überein in der Psychologie der Figuren? Wir haben uns gestritten über Interpretationen, über den Verlauf der Handlung, und natürlich gab es auch einen großen Krach. Doch das bringt Lernprozesse in Gang.

Wir haben neugeschrieben, umgestellt, gestrichen, das Vorhandene wieder und wieder überarbeitet. Die größtmögliche Übereinstimmung sollte hergestellt werden zwischen Autoren, Regisseur und Redakteur. Und ein Team dieser Größe ist noch in der Lage zu Kompromissen, die der Sache dienen. Eben zu dieser Sache gehört auch die Mitteilung an den Zuschauer durch den Film. In diesem Fall die Mitteilung, wie ein Sonderling aufgrund seiner Außenseiterrolle in einem Netz von Vorurteilen, Verdächtigungen und Emotionen hängen bleibt, einem Netz, das von Polizei und Öffentlichkeit gemeinsam geknüpft wird. Wir wollen die Mitteilung machen, wie ein solcher Vorgang Eigengesetzlichkeiten entwickeln kann, die letztlich den Beteiligten die Handlungsfreiheit nehmen, selbst dann, als sie Zweifel an ihrem Verhalten spüren.

Es geht um einen jungen Mann in einer Kleinstadt, dem erst ein Mord an einem Kind vorgeworfen und drei weitere Kindermorde angehängt werden. Es gibt keine Beweise, aber es gibt dieses selbstgestrickte Netz, das sich zu einem passenden Täterbild zusammenfügen lässt. Ein Ergebnis. Alle Ängste, alle Arbeit können doch nicht sinnlos gewesen sein. Die Ruhe ist wiederhergestellt, und sie bleibt auch, als der Mann, dem man nichts nachweisen kann, in die Psychiatrie abgeschoben wird. Man will sein "Bestes", schließlich war er doch schon immer >irgendwie krank<.

Dies darzustellen ohne Diffamierung, ohne sich einen Prügelknaben herauszugreifen aus der Gesellschaft, aufzuzeigen, wie leicht wir alle solchen Vorurteilen und den sich daraus entwickelnden Zwängen unterworfen sein könnten, war unsere Absicht.

An den Kommentar eines Journalisten zu diesem Thema, an die Dokumentation der Fakten, an die Analyse lässt sich der Maßstab der Logik anlegen. Und das war vielleicht die wichtigste Erfahrung für mich, dass so vieles, was endlich das Fernsehspiel ausmacht (ich nenne es das Künstlerische), eingebracht von allen Seiten, Regisseur, Schauspieler, Maskenbildner usw., sich rationaler Messbarkeit entzieht."

(Gerd Schneider zu seinem Film. Quelle: Robert Fischer/Doris Dörrie Jahrg. 1978: Kino - Bundesdeutsche Filme auf der Leinwand, Verlag Monika Nüchtern, München)

 

  

  

  

Fremde Links:

www.steffi-line.de (über Ulrich von Dobschütz)

www.filmmuseum-hamburg.de (über Günter Dockerill)


  

 

 

  

   

   

   

   

   

   

    

   

   

  

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: 12/2010