Das kleine Chaos 1966
Filmliste Rainer Werner Fassbinder
Inhalt
Drei
junge Leute (Marite Greiselis, Christoph Roser, R. W. Fassbinder) sind als
Abonnentenwerber für Illustrierte unterwegs. Sie benützen diese Möglichkeit,
unverdächtig in Wohnungen eindringen zu können, für einen Überfall auf eine
Frau (Greta Rehfeld). Sie nehmen ihr das Geld weg und verschwinden unbehelligt.
In
Das kleine Chaos spielt Fassbinder selbst die Hauptrolle, einen
jungen Mann, der zusammen mit zwei Freunden an den Wohnungstüren
klingelt, um Abonnenten für eine Wochenzeitung zu werben. Sie nutzen die
Gelegenheit, um bei den Leuten einzudringen, terrorisieren eine Dame und
machen sich dann mit deren Geld davon. Während der erste Kurzfilm (Der
Stadtstreicher) ein cineastischer Gruß an Rohmer war, ist dieser eine
Reverenz an Godards Vivre sa vie (Die Geschichte der Nana S.), mit
einem zentralen visuellen Zitat aus Godards Film: Fassbinder liest aus
einem Buch in einer langen Einstelung, in der das Buch seinen Mund
bedeckt. Es handelt sich übrigens um Henry de Montherlants Roman Die
jungen Mädchen, der Fassbinder später als Inspirationsquelle für Satansbraten
diente. Der letzte Satz, den Fassbinder liest, lautet: "Alles, was
mir weh tut, tut mir wohl", eine sehr relevante Einführung in ein
Lebenswerk, das in beispielloser Weise eine Ergründung des Masochismus
ist. Anschließend
Das kleine Chaos enthält außerdem kurze Reverenzen an Raoul Walsh und François Truffaut und endet damit, dass Fassbinder, als die drei Freunde überlegen, wofür sie das gestohlene Geld verwenden sollen, entzückt ruft: "Ich geh ins Kino!".
Mit seinen beiden Kurzfilmen hatte Fassbinder ebensowenig Glück wie mit seinen Versuchen, in die Filmhochschule zu kommen. Der Stadtstreicher erhielt kein Prädikat mit der Begründung, er "verherrliche den Selbstmord", und Das kleine Chaos wurde vom Auswahlkomitee des Oberhausener Filmfestivals abgelehnt. Alle außer Fassbinder schienen davon überzeugt zu sein, dass er beim Film keine Zukunft habe. Dann absolvierte Fassbinder eine zweijährige Schauspielerausbildung an einer Privatschule in München und begann, Theaterstücke zu schreiben - aber immer mit dem Ziel, einmal Filme zu machen: Das Theater sollte das Sprungbrett zum Film sein. (Quelle: Christian Braad Thomsen: "Rainer Werner Fassbinder - Leben und Werk eines maßlosen Genies", Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg, 1993, Seiten 162-163, Textübernahme mit freundlicher Erlaubnis des Autors)
Fremde Links: http://braadthomsen.com (HP des Autors Christian Braad Thomsen)
Layout: Rosemarie Kuheim Bearbeitet: 06/2010 |