Mitläufer

1984/85

 

Filmliste Eberhard Itzenplitz

 

   

   

  

Regie

Eberhard Itzenplitz / Erwin Leiser

Drehbuch

Oliver Storz / Erwin Leiser

Regie-Assistent

-

Vorlage

-

Produktion

EML / ZDF

Kamera

Gérard Vandenberg, Jochen Radermacher

Musik

-

FSK

Empfehlung: ab 14 Jahre

Länge

ca. 100 Minuten

Filmbeschreibung

clubfilmothek

Auszeichnung

-

FBW-Bewertung

Besonders wertvoll - (Film-Tipp)

Ur-/Erstaufführung

Erstausstrahlung ZDF 7.6.1985

Genre

Fernsehfilm mit dokumentarischen Elementen

      

      

  

Darsteller Rolle
Armin Mueller-Stahl Kurz
Karin Baal Elisabeth Kurz
Gottfried John Brocke
Horst Bollmann Kramm
Edith Teichmann Arztfrau
Friedrich W. Bauschulte Arzt
Lisi Mangold Marga
Regina Lemnitz Gerda Brocke
Witta Pohl Frau Kühl
Hans Häckermann Herr Neuner
Eva-Maria Bauer Frau Säger
Felix von Manteuffel Arthur
Benjamin Völz Fritz
Gisela Fritsch Frau
Klaus Jepsen Mann
Peter Aust Jurist
Anne Baumgart Annemarie Brocke
Frank Strecker Deschler
Walter Schultheiss Dürr
Barbara Klein Frau Jablonski
Marlene Riphahn Vordere Frau
Ilsemarie Schnering Frau Kramm
Horst Bergmann Strobel
Franz Mosthav Mettke
Wolfgang Hammelehle Helmut
Therese Lohner Ellen Kurz
Günther Sauer Sprecher

                

  

Inhalt

  

Szenefoto aus der Episode "Der Zinnsoldat" mit Gottfried John (Foto: ZDF)

Szene aus der Episode "Der Zinnsoldat"

mit Gottfried John und Regina Lemnitz

Foto: ZDF

Mischung aus Wochenschaufragmenten und Spielfilmszenen, die den Alltag einfacher Menschen im Dritten Reich porträtieren soll. Der bemerkenswerte Versuch, sich der Wirklichkeit aufklärerisch zu nähern, überzeugt in der Montage und Kommentierung, während die Spielfilmszenen nur bedingt die Abhängigkeit der Menschen vom "alltäglichen Faschismus" verdeutlichen. Insgesamt jedoch beeindruckend und zur Diskussion anregend.  

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Zehn Episoden zeigen Verhaltensweisen von Menschen während der Zeit des Nationalsozialismus auf und geben dem Zuschauer die Möglichkeit, eigene Verhaltensweisen zu hinterfragen.

 

"Der Brand": Eine Arbeiterfrau ist froh, dass ihr Mann nicht "organisiert" ist. Arzt und Jurist diskutieren, ob sie bald zwischen "braunem" und "rotem" Blinddarm unterscheiden müssen.

 

"Der Zug der Zeit": Ein Landwirt erklärt, dass es opportun sei, in die Reiter-SA einzutreten. Seine Verlobte versucht ihn davon abzuhalten. (Darsteller u.a. Felix von Manteuffel)

 

"Der Zinnsoldat": Ein am Boykott jüdischer Geschäfte beteiligter SA-Mann belehrt seine Familie, dass man im Dienst nicht als Mensch handele, sondern seine Pflicht erfülle. (Darsteller u.a. Gottfried John)

 

"Nachhilfe-Unterricht": Ein Oberamtsgerichtsrat "erklärt" einem Untergebenen, dass man am 1. Mai mitzumarschieren habe, statt Hausmusik zu treiben.

 

"Mit der Zeit gehen": Eine Putzfrau wird nach der Reichskristallnacht aufgefordert, nicht mehr bei Juden den Dreck wegzuräumen.

 

Szene aus der Episode "Der Eisenbahner" mit Armin Mueller-Stahl und Karin Baal

Foto: ZDF

"In der Schlange": Zwei Hausfrauen sprechen über eine Nachbarin, die wegen Abhörens des Feindsenders verschwunden ist bzw. abgeholt wurde. (Darsteller u.a. Witta Pohl)

 

"Trauer": Eltern formulieren die Todesanzeige für den gefallenen Sohn. Die Frau zweifelt an den gängigen Formulierungen.

 

"Humor": Ein "Volksgenosse" muntert im Luftschutzkeller die anderen mit Alkohol und Witzen auf und erregt das Missfallen des Luftschutzwartes.

 

"Der Eisenbahner": Ein Lokführer verdirbt die Weihnachtsstimmung, als er seiner Frau erzählt, dass er KZ-Transporte fährt. (Darsteller u.a. Armin Mueller-Stahl, Karin Baal)

 

"Der Eid": Zwei blutjunge Soldaten (Schüler) überlegen in den letzten Kriegstagen, was die Vereidigung für sie bedeutet und wie sie sich ihr entziehen können.

 

 

 

Erwin Leiser zu seinem Film:

 

"Als ich beschloss, die Geschichte des Dritten Reiches nach meinem ersten Film MEIN KAMPF noch einmal zu erzählen, wusste ich nicht, dass gleichzeitig in den USA die Serie HOLOCAUST entstand. Bücher und Zeitungsartikel überzeugten mich davon, dass die Jugend der späten 70er-Jahre nicht mehr über das Dritte Reich wusste, als die Jugend, an die ich mich 1960 gewandt hatte. Immer wieder diskutierte ich mit meiner Frau und Freunden, wie man dieses Thema jetzt anpacken müsste. Allmählich fand ich den richtigen Ausgangspunkt des neuen Films. Das Dritte Reich sollte anders als sonst erlebt werden: aus der Sicht des 'kleinen Mannes'. Hitler durfte nicht im Mittelpunkt stehen. Ich wollte ihn jetzt nur so zeigen, wie ihn die meisten Deutschen damals sahen, entweder aus der Ferne, oder als eine Gestalt, der auch die Großaufnahme der Wochenschau nicht nahekam; vielleicht sollte man sogar nur seine Stimme hören. Es galt, den Alltag des NS-Staates einzufangen, in dem das Böse stets gegenwärtig war, aber nicht immer nach außen sichtbar wurde.

 

Für das, was ich wollte, reichten die sogenannten dokumentarischen Mittel nicht aus. Es gibt keine Filmdokumente, die den Alltag des Dritten Reiches so darstellen, wie er war. Das war nur durch kurze Szenen zu erreichen, die neu zu schreiben und mit Schauspielern zu drehen waren. Sie mussten das dokumentarische Filmmaterial durchsetzen und ergänzen. Nur so konnte der Film die Privatsphäre des einzelnen sichtbar machen.

Die erste Szene, die gedreht wurde, spielte in einem Treppenhaus. Eine Frau schrubbte die Stufen, aus einer Wohnung dröhnte das Radio und datiert die Szene. Es ist der 10. November 1938, und wir hören die offizielle Darstellung der Ereignisse der Kristallnacht, als die Synagogen angezündet wurden und der "spontane Volkszorn" die Fensterscheiben jüdischer Geschäfte zertrümmerte, um diese zu plündern. Ein unscheinbarer Mann mit dem Parteiabzeichen am Rockaufschlag geht die Treppe hinauf und warnt die Putzfrau davor, bei jüdischen Familien weiterhin sauer zu machen. "Also, ein bisschen mit der Zeit sollten Sie auch gehen." Die Frau versteht die versteckte Drohung in seinen Worten. Nach dem Gespräch zeigt ihr Blick Unsicherheit und beginnende Angst.

 

Am zweiten Drehtag entstand die Szene, in der einer jener SA-Leute beschrieben wird, die im NS-Staat vor jüdischen Läden mit Plakaten standen mit dem Text: "Deutsche, wehr euch! Kauft nicht bei Juden!" Der schöne Satz "In Uniform ist der SA-Mann gar kein Mensch" mag manchen zu direkt oder übertrieben erscheinen. Ich kenne aber die Einstellung, die hier zum Ausdruck kommt. Am Tag des Boykotts gegen jüdische Geschäfte, am 1. April 1933, standen zwei SA-Leute mit solchen Plakaten vor dem Haus, in dem wir wohnten, weil mein Vater dort seine Anwaltspraxis hatte.Ich wusste auch, wer die beiden Uniformierten waren. Allerdings hatten sie zivile Kleidung angezogen, wenn sie als Mandanten zu meinem Vater gekommen waren, um ihn um Hilfe zu bitten. Ohne Männer wie sie wäre das Dritte Reich nie Wirklichkeit geworden. Kein General gewinnt seine Schlachten ohne Soldaten. Der Schritt vom Beobachter zum Mitläufer, zum Mitmacher war nicht weit.

 

Der Alltag in einem totalitären Staat wird nicht durch große Dramen geprägt, sondern durch graue Einförmigkeit, hinter der die Betroffenen das Umheimliche, Grausame spüren. Eine solche Situation beschreibt die Filmszene, in der ein Oberamtsgerichtsrat einen Amtsrichter darüber aufklärt, "dass der neue Staat den verstaubten, formal bürgerlichen Rechtsgedanken Stück für Stück zurückverwandelt zur völkisch-germanischen Idee des Führerstaates". In dieser Szene aus der Provinz wird vorweggenommen, was sechs Jahre später von Roland Freisler im Volksgerichtshof lautstark verkündet wurde. Die Einschüchterung des Untergebenen beendet der Oberamtsgerichtsrat mit dem Satz: "Wir sind schließlich keine Unmenschen, nicht wahr." Er lacht unangenehm und der Gedemütigte versucht, mitzulachen. In dem auf diese Szene 'dokumentarischen' Abschnitt fragt der Sprecher: "Sind Sie wirklich keine Unmenschen?", und man sieht einen Angeklagten nach dem missglückten Attentat auf Hitler, der vor dem Volksgerichtshof 1944 über die vielen Morde des Regimes spricht und von Freisler als "ein Häufchen Elend" bezeichnet wird.

 

In meinem ersten Drehbuchentwurf erzählte ich eine wahre Geschichte: Eine Frau hörte in einer Radiosendung aus England, dass der Sohn einer Nachbarin gefallen sei, und überbrachte der Mutter die Trauerbotschaft. Darauf zeigte diese sie bei der Gestapo an. Sie hatte dem Verbot getrotzt, feindliche Sender zu hören. Aus dieser Episode entstand eine Spielszene, in der eine lange Schlange von kaufwilligen Hausfrauen vor einem Fischgeschäft ansteht und eine Frau der neben ihr stehenden diese Geschichte erzählt. Die Frau vor ihnen hört unaufgefordert mit, und als sie die Erzählerin beruhigen will, dass sie sich deshalb keine Sorgen machen müsse: "Ich denk' da wie Sie", erschrickt diese und stellt fest, : "Sehen Sie, dat is nu der Mist. Das dachte die Stepansche nämlich auch." Die Szene wurde in Spandau gedreht, die Straße war abgesperrt, und hinter der Schranke standen schaulustige Berliner. Eine ältere Frau fragte mich, was für ein Film hier gedreht werde. Und als ich ihr erwiderte, der Film sei über das Dritte Reich und der Titel sei "Die Mitläufer", nickte sie nachdenklich und meinte: "Mitläufer sind wir ja alle!"

 

Auch die letzte Spielszene des Films, eine Diskussion zwischen zwei jungen Soldaten über die Frage, ob sie den Eid auf Hitler ablegen sollen, beweist, dass man nicht Mitläufer sein musste. Allerdings gehört Mut dazu, "aus der Hammelherde" herauszutreten, wie es der wichtigste Satz der Szene ausdrückt. Ein Betroffener, Leo Baeck, der letzte Oberrabbiner der Reichshauptstadt, der in Theresienstadt nur knapp dem Tod entging, gab meiner Ansicht nach die beste Definition der Aufgabe, die sic der Film gestellt hat: "Zu erkennen, was war, um zu verstehen, was ist, und zu erfassen, was sein wird, das scheint die Aufgabe zu sein, die der Geschichtserkenntnis zugeschrieben wird."

 

  

  

  

  


  

 

 

  

   

   

   

   

   

   

    

   

   

  

Layout: Rosemarie Kuheim - Deutsches Filmhaus

Aktualisiert am 25. Januar 2026

 

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