Point Hope 

1983

 

Filmliste Wolfgang Panzer

 

  

  

  

Regie

Wolfgang Panzer

Drehbuch

Wolfgang Panzer

Vorlage

-

Schnitt

-

Produktionsleitung

-

Produktion

Bavaria Atelier GmbH mit Polivideo

Kamera

Charles van Damme

Musik

-

FSK

-

Länge

ca. ... Minuten

Sonstiges

-

FBW-Bewertung

-

Ur-/Erstaufführung

18. April 1983

Genre

Fernsehfilm

  

  

  

Darsteller

Rolle

Hans Heinz Moser

Winnie
Gisela Weilemann Rosa
Ernst Michael Psychiater
Estebáu Fernandez Taxifahrer
Phil Mottaz Betrunkener
Uli Edel Galeriemanager

 

        

Inhalt  

 

Winnie, erfolgreicher Maler und Bildhauer, trifft auf dem Weg nach New Yoek Rosa, eine junge Deutsche. Sie will unbedingt nach Alaska, nach "Point Hope", um dort ihren verschollenen Bruder, einen Fotografen, zu suchen. Ihre traurig-ruppige Art imponiert Winnie, und er nimmt sie mit in seine New Yorker Wohnung. Sie schläft mit ihm, aber nur, um Geld für die Winterreise nach Alaska zu bekommen. Das und ihre Gleichgültigkeit gegenüber seinen Erfolgen als Maler verletzen den eitlen Winnie tief. Nach einer erfolgreichen, aber wie üblich oberflächlichen Vernissage folgt Winnie ihr nach Alaska. Die Suche nach dem verschollenen Bruder wird für beide zur Konfrontation mit einer Welt, in der es um ganz andere Dine geht als um das, was ihnen bisher wichtig erschien - zunächst ums nackte Überleben in einer Welt, in die der Mensch nicht hineinzupassen scheint, in der die Naturgewalten unverändert das Leben der Menschen prägen, und die Mythen von Leben und Tod, von Liebe und Einsamkeit und vom Kampf um den großen Wal unverändert gelten. Rosa und Winnie jagen von einer Siedlung zur anderen, durch Schneestürme und Treibeis, manchmal dem Erfrieren und Verhungern nahe. Je mehr sie sich daran gewöhnen, desto mehr veränder sich ihre bisherige Einstellung zum Leben. In einem Walfängerlager erfahren sie vom Tod des Bruders. Nur Kamera, Fotos und besprochene Tonbänder sind vom ihm übrig geblieben.

Auf den Tonbändern befindet sich ein Selbstgespräch, das Dokument einer tiefen Depression, einer Persönlichkeitsveränderung. Winnie fällt immer mehr in eine ähnliche Stimmung, identifiziert sich schließlich mit dem Bruder. Er wird unfähig, in sein bisheriges Leben zurückzukehren. Am Tag der geplanten Rückreise läuft er in einen Schneesturm hinaus und erfriert. Rosa fährt allein zurück.

 

 

Wolfgang Panzer schreibt zu den Dreharbeiten:

 

Zu erreichen ist Point Hope nur mit dem Postflugzeug von Kotzebue aus. Man fliegt etwa 2 Stunden, um dann auf dem steinigen Strand neben dem alten verlassenen Dorf zu landen. Die Durchschnittstemperatur liegt im Frühjahr bei minus 25 Grad, mit Spitzen bis minus 50 Grad. Etwa 500 Eskimos, 20 Weiße, zwei Schwarze, 150 Hunde, einige hundert Meilen nördlich des Polarkreises auf einer Lagunenlandzunge im Chukikmeer nördlich der Beringstraße. Ein Hüttendorf auf Kies. Kein Hotel, kein Restaurant, keine Bar, kein fließendes Wasser.

Point Hope gehört zur North Slope Region, der reichsten Gegend von Alaska (Erdöl), ein Regierungsbezirk von der Größe eines europäischen Landes, in dem etwa fünf- bis siebentausend Eskimos leben. Die politische Macht liegt ausschließlich in den Händen der Eskimos, Weiße sind nur geduldet, weil unfähig, die weit verzweigten Beziehungen und Kompetenzen der einzelnen Familien und Clans innerhalb der Eskimogemeinschaft zu durchschauen. Der unwahrscheinliche Reichtum drängt den Natives immer mehr die Errungenschaften der amerikanischen Zivilisation auf. Doch die Eskimos kämpfen brutal, mit allen Mitteln, um die Erhaltung ihrer Kultur.

 

Es sollte ein Film werden, bei dem die Grenzen zwischen Fiktion und Realität fließend, die im Drehbuch aufgeschriebene Geschichte den Geschichten möglichst nahekommen sollte, die die Schauspieler beim Drehen selbst erlebten. Doch vielen widersetzte sich diesem Plan. Da gab es zum Beispiel technische Probleme, die durch die extremen äußeren Temperaturen entstanden. Die gesamte Ausrüstung (Kamera - Ton) musste speziell in Europa "winterized" werden und war in etwa 40 isothermischen Kisten verpackt. Die Team und die Schauspieler (insgesamt 11 Leute) lebten in einem Haus, einem alten umgebauten Laden. Unsere Fortbewegungs- und Transportmittel waren Snowmobils mit angehängtem Schlitten. Unsere Hauptschwierigkeiten lagen in der politischen Situation dieser Region: ein seltsam unsichtbares, nicht zu definierendes Spannungsfeld, das uns einer Situation aussetzte, die zwischen tätlicher Aggression und offen gezeigter, echter Zuneigung unberechenbar schwankte. Die feindselige Haltung der Eskimos gegenüber alle Weißen ist verständlich. Seit fast zweihundert Jahren versuchten erst die Russen, später und heute die Amerikaner, wenig erfolgreich, das Land zu kolonialisieren, und immer mischen sie sich dabei in die einzige in diesen Breitengraden lebenserhaltende Aktivität ein: die Jagd. Die gesamte Glaubenswelt und Mystik der Eskimos dreht sich ums Jagen. Bis zur Jahrhundertwende hatten die Weißen zum Beispiel das Chukikmeer von fast allen Walen "befreit". Millionen wurden abgeschlachtet, und heute sitzt am anderen Ende der Welt in London eine Kommission von Weißen, die vom grünen Tisch aus entscheidet, wie viele Wale die Eskimos pro Jahr noch fangen dürfen, und natürlich sind diese Fangquoten viel zu niedrig, um die Eskimobevölkerung mit ihrem Grundnahrungsmittel zu versorgen. Wer kann es den Leuten da verdenken, besonders der jungen Generation, dass sie mit Waffengewalt die Unabhängigkeit von den USA erkämpfen will und dass andererseits verantwortliche Eskimos den Präsidenten Reagan auffordern, während der nächsten Walfangsaison die Weißen aus der Arktis zu evakuieren. Die mir als einzelnem Besucher bei der Motivsuche im letzten Herbst entgegengebrachte Gastfreundschaft fanden wir in diesem Frühjahr als Gruppe nicht wieder.

Wir waren ein Fremdkörper in der Gemeinschaft und wurden von fast allen, nach anfänglicher Neugier, gemieden. Keine der Eingeborenen konnte offen mit uns zusammenarbeiten oder uns unterstützen, ohne nicht für sich negative Folgen von dem Rest des Dorfes befürchten zu müssen.

 

Dieses Gefühl der Ablehnung und des verständlichen Misstrauens uns gegenüber war nicht sofort als solches erkennbar unter der natürlichen Freundlichkeit der Eskimos, und es dauerte einige Wochen, bis uns klar wurde, dass wir völlig auf uns allein angewiesen waren. Viele im Drehbuch vorgesehene Szenen waren unter diesen Bedingungen unrealisierbar: Abmachungen wurden aus für uns nicht einsichtigen Gründen abgesagt, Drehgenehmigungen verweigert oder plötzlich zurückgezogen. Komparsen und Darsteller erschienen nicht wie vorgesehen oder verschwanden vom Drehort, ohne jemals wieder Zeit für uns zu finden. Man fing an, den Boykott zu spüren, und es entstand bei uns allen das Gefühl, in Point Hope unerwünscht, aber eingeschlossen zu sein, was nicht ohne Folgen auf unser Zusammenleben blieb.

So entstand das Drehbuch täglich neu - aus spontanen Reaktionen auf Unvorhergesehenes, aus Sichanpassen an das Machbare. Aber das hatten wir ja gewollt - die Grenzen zwischen Realität und Fiktion aufzubrechen. So wurde nicht nur die Wirklichkeit zur Filmgeschichte, sondern auch die Filmgeschichte zur erlebten Wirklichkeit.

 

  

(Quelle: Broschüre "Das Fernsehspiel im ZDF", Ausgabe Heft 40, März-Mai 1983, hrsg. ZDF Information und Presse/Öffentlichkeitsarbeit Mainz)  

  

  

   

   

    

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

  

Layout: Rosemarie Kuheim - Deutsches Filmhaus

Aktualisiert am 21. Januar 2026

  

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