Friedrich Schachmann wird verwaltet

1978

 

Filmliste Eberhard Pieper

 

  

  

Regie

Eberhard Pieper

Drehbuch

Eberhard Pieper

Redaktion

Otto. H. Schneider

Vorlage

-

Produktion

Aurora Television, Hamburg

Kamera

Gero Ehrhardt

Musik

-

FSK

-

Länge

-

Auszeichnung

-

FBW-Bewertung

-

Ur-/Erstaufführung

28. August 1978, 21:20 Uhr

Genre

Drama, Dokumentar-Fernsehspiel

  

  

  

Darsteller Rolle
Wolfgang Kieling Schachmann, alt
Rolf Jülich Schachmann, jung
Elsbeth May Frau Schachmann
Knut Hinz Jan
Wolfgang Wahl Kannenbach
Hans Peter Korff Gruner
Gerhard Olschewski Paule
Lina Carstens Toni
Hans-Michael Rehberg Katze
Gert Haucke Backe
Alexander May Günther

                

 

  

 

Einer meiner Lieblingsschauspieler:

Wolfgang Kieling

 

©Virginia Shue, Hamburg

starfotos@virginia-hamburg.de

Inhalt

1974 ist das Delikt "Landstreicherei" vom Bundestag auf dem Strafgesetzbuch genommen worden. Damit aber lassen sich die Probleme nicht lösen, denn was man noch vor einigen Jahren als Folge von Krieg und Nachkriegszeit angesehen ha, entwickelte sich zusehends zu einem sozialen Problem: Rekrutierte sich früher der Stamm der Nichtsesshaften aus Heimatvertriebenen, Entwurzelten, DDR-Flüchtlingen, so setzt er sich heute in zunehmendem Maße aus Geschädigten der Wirtschaftskrise, nämlich aus Arbeits- und Unterkunftslosen, zusammen. Diese Situation war Anlass für uns, einen Film zu produzieren, der die Probleme einer Randgruppe der Gesellschaft klarmacht, denn, so schrieb "Die Zeit" am 20. August 1976, zusammenfassend: "Die Nichtsesshaftenfürsorge ist ... der am schlechtesten ausgestattete Bereich der Sozialarbeit in der Bundesrepublik. Vielleicht könnten die Verfechter der Schädlingsbekämpfung der Pennerplage sich mit einer anderen Alternative anfreunden: Fürsorge statt Knast." 

  

Der Regisseur zum Film:

Im winterlichen Nebel hockt ein älterer Mann auf dem Gleiskörper einer Bahnlinie. Im Hintergrund ahnt man die Lichter eines großen Bahnhofs. Der Lokführer des eintreffenden Zuges löst eine Schnellbremsung aus. Dennoch wird der Mann auf den Schienen überfahren. Er ist auf der Stelle tot.

Friedrich Schachmann lautet der Name des Toten. Der Personalausweis des Verunglückten trägt den Vermerk: "Ohne festen Wohnsitz". Es handelt sich also um einen Nichtsesshaften, um einen Angehörigen jeder Gruppe von Menschen, die der Volksmund "Penner" nennt. Diese Menschen schlafen im Freien, in Asylen, Rohbauten oder abbruchreifen Ruinen. Sie sind dreckig, tragen schmutzige Kleidung, wohnen auf der Straße und trinken Bier und billigen Wein aus großen Flaschen. Wenn sie betrunken und laut sind, sind keine vier Wände da, die das verbergen. Ein Stammtisch steht eben nicht auf der Straße. Keinem normalen Bürger bleibt ihre Auffälligkeit verborgen. Viele nehmen Anstoß, andere geben Almosen, wieder andere tun beides. Für manchen haben Penner einen Hauch von chaotischer Romantik, exotische Randerscheinungen sind sie, deren Nähe man besser meidet.

  

Indessen wächst das soziale Problem der "Nichtsesshaftigkeit" ständig. Und in gleichem Maß mehrt sich auch die Zahl derer, die, den vergangenen Zeiten des Arbeitsdienstes nachtrauernd, ihren steigenden Zorn darüber, dass unser Grundgesetz diesen Ärmsten der Armen auch noch Hilfe zusichert, kaum noch zu bezähmen vermögen. Dabei wird tunlichst vergessen, dass keine Randgruppe ohne intensive Wechselbeziehung zur Gesamtgesellschaft existiert. Diese Wechselbeziehungen aufzudecken, ist eines der Ziele des Films. Er tut dies am Beispiel einer Person und deren Karriere in der Nichtsesshaftigkeit. Diese Karriere hat ihre Logik, wie jede andere Karriere auch. Parallelen zur bürgerlichen Existenz sind dabei nicht immer zu vermeiden. 

 

Die Sprache des Films beruht auf Tonbandaufzeichnungen von zahlreichen Interviews, die der Verfasser mit Nichtsesshaften gemacht hat. Der Film versucht, das gleiche Nebeneinander vom Komik und Tragik nachzuvollziehen, das die meisten Interviews auszeichnete: ein Wechsel, der sich in spezifischer Weise immer da einstellt, wo sich am Tiefpunkt menschlicher Existenz illusionäre Hoffnung und reale Ausweglosigkeit im Bewusstsein der Betroffenen miteinander ablösen. Im Falle Schachmanns löste sich nach und nach jede Hoffnung in Nichts auf. Gegenüber der Ausweglosigkeit seiner Existenz reagiert er in steigendem Maße apathisch. Die Person Schachmann ist längst auf der Strecke geblieben, als der Tod dem Vegetieren ein Ende setzt. Der Verwaltungsvorgang, der die Person des Toten schon zu Lebzeiten ständig begleitet hatte, lief indessen weiter, über den Tod hinaus. Verwaltungsvorgänge funktionieren eben auch im Leerlauf.

(Eberhard Pieper)

(Quelle: Broschüre Das Fernsehspiel im ZDF, herausg. von der Abteilung Information und Presse/Öffentlichkeitsarbeit, Heft 21, Juni bis August 1978)

  

  

 

  

  

 

 

 


  

 

 

  

   

   

   

   

   

   

    

   

   

  

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: 16. Juni 2016

  

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