Querelle (auch: Querelle - Ein Pakt mit dem Teufel) 1982
Filmliste Rainer Werner Fassbinder
Dazu ein Interview mit R. W. Fassbinder aus dem Evangelischen Filmbeobachter, 17. Sept. 1982
Inhalt
Der Matrose Querelle (Brad Davis) geht in Brest mit einer Ladung Opium an Land, die er an Nono absetzt (Günter Kaufmann), den Wirt des Bordells "Feria". Querelle ermordet seinen Komplizen Vic (Dieter Schidor), um den Verdienst in die eigene Tasche zu stecken. Im "Feria" teilen sich Nono und seine Frau Lysiane (Jeanne Moreau) die Kunden untereinander. Lysianes fester Liebhaber ist Querelles Bruder Robert (Hanno Pöschl). In Brest begegnet Querelle außerdem Gil (Hanno Pöschl), von dem er sich angezogen fühlt und mit dem er sich anfreundet, weil auch er einen Mord begangen hat. Querelle hilft ihm, aus Brest zu fliehen, verrät ihn aber gleichzeitig an die Polizei. Leutnant Seblon (Franco Nero) ist heimlich in Querelle verliebt, begnügt sich aber damit, seine Gefühle für ihn aus Tonband zu sprechen.
Zu Fassbinders Jugendlektüre gehörten nicht nur die weithin anerkannten Romane Effi Briest und Berlin Alexanderplatz, sondern auch ein dritter, eher obskurer Roman, Jean Genets "Querelle de Brest". Der kontroverse Roman war eine Zeitlang direkt verboten, aber schon zu Beginn seiner Karriere erklärte Fassbinder, er wolle ihn verfilmen. Bevor Fassbinder das Projekt in die Tat umsetzte, hatte Burkhardt Driest ein Drehbuch geschrieben, das Werner Schroeter verfilmen sollte, aber es gelang dem Produzenten nicht, die finanziellen Mittel zusammenzubringen. Bernardo Bertolucci hatte das Drehbuch ebenfalls angeboten bekommen, aber zögernd erklärt, er befürchte, dass das Kinopublikum erst in zehn Jahren reif für einen solchen Film sei. Solange konnte Fassbinder nicht warten - und er erlebte auch die Premiere nicht mehr, nicht einmal die deutsche Nachsynchronisation des Films, die sprachlich problematisch ist. Allerdings erlebte er noch, dass die englische Originalversion fertigt wurde, abgesehen von den Sprecherkommentaren, die nach seinem Tod aufgenommen wurden. (ff) (Quelle: Christian Braad Thomsen: "Rainer Werner Fassbinder - Leben und Werk eines maßlosen Genies", Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg, 1993, Seite 386 (ff), Textübernahme mit freundlicher Erlaubnis des Autors)
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Querelle, Fassbinders letzter Film, nach einer Romanvorlage on Jean Genet vor seinem Tod gedreht, aber nicht mehr von ihm montiert, scheint auf den ersten Blick den Zyklus von Figuren, die sich fatalerweise in ihren Doppelgänger verlieben, zu vervollständigen. In diesem hermetischen Paradies des Hafens von Brest, schwelgend in der obszessiv-phallischen Welt der Matrosen und Lederjungs, wird es beinahe unmöglich, die Figuren zu unterscheiden oder zur verfolgen, wer sich mit wem überidentifiziert oder sich in wem negativ verdoppelt sieht. In dieser Welt aus beschlagenen Fenstern und Peepshow-Kabinen können nicht einmal kaltblütige Morde oder brutale anale Vergewaltigungen die Spiegel zerschlagen, die diese Schlafwandler der verlorenen Reflexion zu Sklaven ihrer Selbstbilder macht. Was aus der Geschichte von Querelle (Brad Davis), dem schönsten Matrosen, der ebenso begehrt und ausgebeutet wird wie er begehrt und ausbeutet, hervorgeht, ist ein weiteres Mal eine komplette Charade von Verkleidungen und Verdopplungen, Brüdern und Geliebten, Betrug und Verleugnung. Wenngleich die überhitzte und übersättigte Atmosphäre, die geschlossenen, engen Seta, die künstliche Ausleuchtung und die keuchenden, dampfenden, schwitzenden, blutenden und schweißgebadeten Körper gewiss keiner konventionellen Vorstellung von Schönheit entsprechen, kann man Fassbinder für diese demokratische Version von Perversion bewundern und auch die Disziplin, mit der er den vielfältigen Beziehungen zwischen den Hauptfiguren den unmissverständlichen Stempel des authentisch Inauthentischen aufdrückt, was ja bereits die Figurenkonstellationen seiner ganz frühen Filme auszeichnete. In anderer Hinsicht könnte man Querelle auch als Beginn von etwas Neuem und Anderem lesen, was hinausgeht über eine Re-Interpretation der Männerbeziehungen der frühen Gangsterfilme oder der Frauenmelodramen, nur jetzt nicht mehr in Hetero-Verkleidung. (Quelle: Thomas Elsaesser: "Rainer Werner Fassbinder", Bertz Verlag GbR, Berlin, 2001, Seiten 470-471, Textübernahme mit freundlicher Erlaubnis des Autors)
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Hermann
J. Huber schreibt in "Gewalt und
Leidenschaft" - Homosexualität in Film und Video u.a.: Zitat: "Der
Stoff: Jean Genets Drama seiner
eigenen Selbstbehauptung gegenüber der ihn tretenden und daher verhassten
Gesellschaft. Der provozierende Aufschrei eines bewusst moralisch und sexuell
"anormalen" Außenseiters. Der 1953 erschienene, zeitweise verbotene
und nur unter dem Ladentisch gehandelte Roman ließ Fassbinder nicht ruhen. Die
Atmosphäre: "Oscar"-Preisträger
Rolf Zehetbauer (Cabaret)
baute ihm für 1,7 Millionen D-Mark eine vibrierende Studio-Welt, aus der es für
Darsteller und Zuschauer kein Entrinnen mehr gibt. Ein von pittoresken
Phallus-Symbolen umstelltes Revier, eine Pflasterstraße ins Nichts, ein
Schleier aus grellem Geld und Orange sowie stichigem Blau. Ein glühender,
brodelnder Vorhof zur Hölle. Produzent Dieter Schidor: "Die Dicke wollte
eine ganz geile Atmosphäre, schon bei den Proben. Die hat sich ja dann auch
eingestellt." Seine Schauspieler nahm Fassbinder davon nicht aus. Schidor:
"Franco Nero musste sich ständig an den Schwanz fassen und sagen 'Ich fühl'
mich ganz als Frau ohne Busen!'. Er hat zwar gejammert, aber ...!" Dieser
ungewollte Abschiedsfilm zehrte auch an Fassbinder selbst. Von seinen
Depressionen, seinem Tabletten-, Drogen- und Weißbierkonsum wussten sie alle.
Noch bevor Querelle am 17.09.1982 ins Kino kam, trugen sie ihn am
16.06.1982 gemeinsam zu Grabe.
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Die Amazon-Redaktion schreibt zu Genets Roman: "Dieser schockierende Roman um den Matrosen und Mörder Querelle ist das Tagebuch eines Verdammten, den nichts retten kann, es sei denn die Objektivierung des Entsetzens durch Sprache. Jean Genet spricht das Intimste und das Öffentlichste aus, die Verwandlungen der Grausamkeit in Entzücken und des Entzückens in Grausamkeit, die Riten der Mörder, Opfer und Henker, die miteinander identisch sind. Jena Genet, der "dämonische Rhetor" (Jean-Paul Sartre), entblößt sich in diesem Roman ganz, er protestiert gegen die Tabus - er ist frei."
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Layout: Rosemarie Kuheim Bearbeitet: 12/2010
Die Fotos wurden mir freundlicherweise von Einhorn-Film zur Verfügung gestellt. |