Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit

1985

   

Filmliste Alexander Kluge

   

 

 

Regie

Alexander Kluge

Drehbuch

Alexander Kluge

Produktion

Kairos Film / ZDF

Kamera

Thomas Mauch, Werner Lüring, Herrmann Fahr, Judith Kaufmann

Musik

-

SFK

ab 16 Jahre

Länge

111 Minuten

Ur-/Erstaufführung

TV 20. Jan. 1996

Sonstiges

FBW-Prädikat: Besonders wertvoll

Arbeitstitel

"Unheimlichkeit der Zeit"

Genre

Episodenfilm

  

  

 

Darsteller

Rolle

Jutta Hoffmann

Die Berechnende

Armin Mueller-Stahl

Blinder Regisseur

Rosel Zech

Die Überflüssige

Hans Michael Rehberg

Herr von Gerlach

Peter Roggisch

Der große Chef

Alfred Edel

Motivforscher

Rosemarie Fendel

Frau von Gerlach

Maria Slatinaru

Tosca

Günter Reich

Scarpia

Piero Visconti

Cavaradossi

Edgar M. Böhlke

Schrotthändler

Sprecher Alexander Kluge

und viele andere

   

 

     

Inhalt

 

Ein Episodenfilm, der "Abschied nimmt vom klassischen Kino" (A. Kluge). Splitter der Wirklichkeit, die aber doch allesamt streng den einen Gedanken verfolgen, wie ein einziger Augenblick alles Vorher und Nachher verschlingen kann. Da ist die Tochter eines Pförtnerehepaars in Warschau, die sich einem deutschen Soldaten hingibt, um die Schätze der polnischen Filmgeschichte zu retten. Da ist eine schier Unentbehrliche, die plötzlich überflüssig geworden ist, weil der Chef ihr einen anderen vorgezogen hat. Da sind Eilige, die rastlos durch die Welt hetzen, um Entscheidungen zu fällen, die immer weniger sinnvoll sind. Da ist eine junge Leihmutter, die das Kind solange nicht zurückgeben will, wie die Erziehungsberechtigten nicht auf ihre Fürsorgeempfehlungen hören wollen. Und da ist schließlich ein berühmter Regisseur, der bei Dreharbeiten erblindet und trotzdem weitermacht, weil er den Kopf voller Bilder hat.

Obwohl auch Alexander Kluge nicht ohne individuelle Personen auskommen kann, in diesem Film geht es nicht mehr um Einzelschicksale, sondern - so kurz vor dem Ende eines mörderischen Jahrhunderts, ja eines Jahrtausends - um das Schicksal der Menschheit. Die Individuen sind ihm dafür nurmehr der notwendige Beleg.

Die Hauptrolle aber spielt die Zeit, mit der diese Menschen umgehen müssen: die Zeit als Geschichte und als mitgeschleppte Vergangenheit, aber auch jene mangelnde Zeit, die den Menschen im Augenblick einer Entscheidung fehlt, um die Zukunft besser gestalten zu können. Darum, sagt Kluge, "halten die Menschen ihr Leben provisorisch: Die Gegenwart dehnt sich." Missverhältnisse tun sich auf. Etwa wenn die Überflüssige, die bisher nie Zeit hatte, nach der Kündigung mit ihrer Zeit nichts mehr anzufangen weiß. Oder wenn die Eiligen drei Tage kreuz und quer durch Europa reisen müssen, um zweimal Nein zu sagen. In diesen Missverhältnissen sieht Kluge freilich auch einen Trost; in ihnen nimmt er die Selbstheilungskräfte der Vernunft wahr. Denn erst wenn der Mensch durch solche Missverhältnisse innehält, verlässt erdie Bahn einer blinden Dynamik und eines fatalen Schicksals. "Wir nehmen Abschied von der klassischen Industrie", sagt Kluge. "Die Hände werden überflüssig. Jetzt geht es um die Zerlegung der Hirnteile und der einzelnen Sinne." Genau dafür gibt es aber keine authentischen Bilder mehr. Darum muß dieser Film auch "Abschied nehmen vom klassischen Kino", eben weil er dauernd Bilder erfinden muß von Dingen und Sachverhalten, von denen es eigentlich keine Bilder mehr geben kann.

(Quelle: HP Alexander Kluge - siehe Hinweise im Impressum der externen Seite)

  

   

Ein filmisches Essay über das Phänomen "Zeit" und über das Kino in unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit, das Alexander Kluge aus zahlreichen Episoden und szenischen Skizzen montiert hat. Entstanden ist ein ebenso vielschichtiger wie esoterisch-versponnener Versuch, die existentielle Befindlichkeit des modernen Menschen philosophisch, poetisch-bildhaft und ironisch zugleich zu beschreiben. Minderheitenkino von hohem intellektuellen und ästhetischem Anspruch.

(Quelle: Handbuch 12 - Filme 1985-86 - der Katholischen Filmkritik)

    

  

Im Herbst 1939 hütet ein Pförtnerehepaar in Warschau in den leerstehenden Studios die Schätze der polnischen Filmgeschichte. Die Tochter opfert sich einem deutschen Soldaten. Der Film zeigt Menschen, die überflüssig geworden sind (Rosel Zech). Er zeigt Eilige, mächtige Chefs, die keine Zeit haben, ihre Macht auszuüben; klare Entscheidungen in einer Welt, die für klare Entscheidungen immer ungeeigneter wird (Michael Rehberg, Peter Roggisch). Eine junge Leihmutter (Jutta Hoffmann) weigert sich, ein Kind den Erziehungsberechtigten zu übergeben, wenn diese nicht auch die Aufzeichnungen in Empfang nehmen, die sie über die Gewohnheiten des Kindes anfertigt hat: Ein Kind ist keine Sache. Es braucht Zeit. Während der Dreharbeiten seines 36. Films erblindet ein berühmter Regisseur (Armin Mueller-Stahl). Die Produktion wird fortgesetzt. Der blinde Regisseur fühlt sich in seiner Arbeit verunsichert, aber nicht unglücklich. Er hat den Kopf voller Bilder...

(Quelle: KINO 86 - Filme der Bundesrepublik Deutschland, Jahreskatalog der Export-Union des deutschen Films)

  

  

  

  

  

Fremde Links auf dieser Seite:

www.steffi-line.de (über Hans-Michael Rehberg)

www.edgar-m-boehlke.de (HP des Künstlers)

www.filmportal.de (über Jutta Hoffmann)

www.kluge-alexander.de (über den Film)

  

  

  

  

  

  

  

    

  

  

  

  

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: Sept. 2010