Der Schimmelreiter

1977/78

 

Filmliste Alfred Weidenmann

 

  

  

Regie

Alfred Weidenmann

Drehbuch

Alfred Weidenmann und Georg Althammer

Regie-Assistent

Wieland Liebske

Vorlage

nach der Novelle von Theodor Storm

Produktion

ZDF

Kamera

Heinz Hölscher

Musik

Hans-Martin Majewski

FSK

ab 6 Jahre

Länge

96 Minuten

Ur-/Erstaufführung

29.03.1978 Husum, Capitol-Kino

Genre

Literaturverfilmung, Drama

      

      

    

Darsteller

Rolle
John Phillip Law (13.05.2008) Hauke Haien
Anita Ekström Elke, Tochter des alten Deichgrafen
Gert Fröbe Tede Volkerts, der alte Deichgraf
Dirk Galuba Ole Peters, Großknecht
Vera Tschechowa Vollina Harders
Reinhard Kolldehoff Jess Harders, ihr Vater
Lina Carstens Trin Jans, eine alte Frau
Katharina Mayberg Ann Grete, ältere Magd
Werner Hinz Amtmann aus Husum
Peter Kuiper
Richard Lauffen
Jörg Pleva
Wolfried Lier
Gerda Gmelin
u.v.a.

                  

  

Inhalt

Hauke Haien arbeitet als Knecht auf dem prächtigen Hof des Deichgrafen Tede Volkerts. Sein Vater konnte ihm nicht viel hinterlassen, denn er hatte sein Land Stück für Stück an das Meer, den ständigen Feind der Küstenbewohner, verloren. Schon früh befasst sich Hauke deshalb mit dem Deichbau und dessen Berechnung. Weil sein Herr mit Zahlen auf Kriegsfuß steht, lässt er sich nur zu gern bei den Abrechnungen von Hauke helfen, überlässt ihm schließlich immer mehr die eigentlichen Aufgaben des Deichgrafen.

Bald gewinnt Hauke die Zuneigung der Tochter Elke und verlobt sich heimlich mit ihr, da sie der Deichgraf schon dem Sohn eines reichen Bauern versprochen hat. Als Tede Volkerts plötzlich beim Tanz umfällt und stirbt, wäre Hauke eigentlich zum Nachfolger prädestiniert, wenn er nicht ein armer Teufel wäre. Elke räumt dieses Hindernis aus dem Weg, indem sie öffentlich verkündet, ihn zu heiraten und ihm ihr gesamtes Erbe zu überschreiben. Damit wird Hauke nicht nur der neue Deichgraf, sondern auch der reichste Bauer.

Doch Hauke hat auch Feinde. Da ist Vollina Harders, die sich für verschmähte Liebe rächt und seinen ärgsten Widersacher heiratet, den Großknecht Ole Peters. Zum Neid wegen seiner Tüchtigkeit und seinem Glück gesellt sich der Ärger über die Pläne des neuen Deichgrafen. Er will für Generationen vorsorgen und einen Deich bauen, der jeder Sturmflut trotzen kann. Gegen den Widerstand des ganzen Dorfes setzt er ihn durch, und aus dem Neid der engstirnigen Bevölkerung wird Hass, geschürt von Vollina und Ole. 

Auch sein Familienleben ist von Tragik überschattet. Elke bringt ein totes Kind zur Welt, liegt am Kindbettfieber darnieder und ringt wochenlang mit dem Tod. Hauke erwirbt von einem Zigeuner für wenig Geld einen halbverhungerten Schimmel und päppelt ihn auf. Er entwickelt sich zu einem prächtigen Pferd, das nur ihn als Reiter duldet.

Gert Fröbe, der alte Deichgraf - Foto: VIRGINIA

Gert Fröbe, der alte Deichgraf

©Virginia Shue - starfotos@virginia-hamburg.de

  

Zur gleichen Zeit verschwindet über Nacht ein altes Pferdegerippe, das seit Jahren auf einer Hallig vor sich hin moderte. Schon flüsterte man sich zu, dass es in dem Schimmel von Hauke wiederauferstanden, dass der Teufel in ihm sei. Die alte Trin Jans hört nachts Rufe ihres vor langer Zeit ertrunkenen Sohnes und prophezeit in ihrer Sterbestunde ein großes Unglück. Seltsame Vorkommnisse häufen sich, die von den Leuten willig zu "bösen Vorzeichen" aufgeblasen werden, bis sich tatsächlich eine große Sturmflut ankündigt, die alle vorangegangenen übertrifft.

Der neue Deich hält, aber jetzt rächt es sich, dass Hauke einer Forderung Oles nachgegeben hat und den alten Deich nicht so ausbessern ließ, wie er es für richtig hielt. Er bricht unter der gewaltigen Flut und reißt Elke mit sich, die ihrem Mann zum Deich gefolgt ist. Hauke Haien stürzt sich mitsamt seinem Pferd in die tobenden Wasser. Und bis heute sieht immer wieder einmal jemand den Schimmelreiter mit wehendem Mantel über die Deiche reiten.

(Quelle: Das Fernsehspiel im ZDF, Information und Presse/Öffentlichkeitsarbeit, Heft 35, Dezember 1981 bis Februar 1982)

  

  

  

  

Mut und Witz

Ein Gespräch mit Lina Carstens

  

Weil im nordfriesischen Herbst der Sturm auch hinter den Deichen pfeift, hatte sie sich in der Drehpause in einen Pkw an Rand der vom Regen aufgeweichten Wiese zurückgezogen. Da saß Lina Carstens nun auf dem Beifahrersitz: schwarze Schuhe und Strümpfe, schwarzes Kleid, an dessen Saum der Matsch trocknete, schwarzes Kopftuch. Sie hatte die Augen geschlossen, die kräftigen Hände übereinandergelegt, wartete auf ihren nächsten Einsatz als Trin Jans.

Weil sie den Schimmelreiter für einen interessanten Stoff hielt, hatte sie die Rolle angenommen. Außerdem arbeitete sie in den letzten Jahren gern für Film und Fernsehen. Mit dem Theater hatte sie nichts mehr im Sinn: "Die modernen Stücke interessieren mich nicht. Und was die Regisseure heutzutage so treiben - sogar den Shakespeare verhunzen sie, dass es einem die Stiefel auszieht."

 

Mit ihren fast 85 Jahren wirkte Lina Carstens im Gespräch unglaublich jung, auch ihre Stimme war nicht die einer alten Frau. Sie sprach energisch, verzögerte auch mal das Sprechtempo - wie um Spannung zu erzeugen für das, was kommt -, setzte ihre ausdrucksvollen Hände ein, um Gesagtes zu unterstreichen. Eine große Mimin, die jedoch nicht "mimte", sondern jedes Wort s so meinte, wie sie es sagte. Sich in die Beschaulichkeit des Privaten zurückzuziehen, einen ruhigen Lebensabend zu verbringen,  diese Idee war ihr noch nie gekommen. "Man muss doch froh sein, wenn man gesund ist und noch arbeiten kann", sagt sie. "Wenn ich abends nach Hause kommt und sagen kann: "Heute hast du was geleistet", dann ist das die größte Befriedigung für mich. Dann bin ich - wenn Sie so wollen - glücklich. Ich empfinde ein Glück, das Zufriedenheit mit sich bringt."

Zufriedenheit war wichtig für Lina Carstens. Ebenso die Anerkennung aus dem Publikum; auch die machte sie zufrieden. Sie war vor allem durch Lina Braake zum Inbegriff des alten Menschen geworden, der sich nicht abschieben lässt, sondern das Alter als Abschnitt des Lebens akzeptiert und es mit Mut, Witz und Energie meistert. "Ich bekomme viel Post. Von alten Frauen, die rührende Briefe schreiben, und von jungen Leuten, die meinen Rat wollen. Das freut mich. Nicht aus Eitelkeit, ich brauche keine Publicity. aber wenn ich Anerkennung finde, denke ich immer, dass das, was ich tue, wohl nicht umsonst war."

Unzufriedenheit gab es dennoch in Lina Carstens' Leben. Über vieles, was sie um sich herum sah. Die Unbescheidenheit vieler Menschen zum Beispiel. "Sie verlangen ein Glück für sich. Wieso denn? Wie komme ich dazu, ein Glück zu verlangen? Ich muss doch sehen, wie ich mit meinem Schicksal auskomme. Aber das können die meisten Menschen nicht mehr. Sie haben das verloren, was die Chinesen die "Mitte" nennen. Sie kommen mit sich selbst nicht zurecht, und wenn es ihnen mies geht, machen sie die Umwelt dafür verantwortlich. Ode die Gesellschaft."

  

Vor diesen Rastlosen, Ehrgeizigen, die immer mehr wollen und andere immer zu übertrumpfen versuchen, hatte Lina Carstens einen Horror. "Vermieste Menschen", nannte sie die, "die an allem herummeckern und nicht darüber nachdenken, dass es ihnen eigentlich ganz gut geht". "Gucken Sie sich doch mal in der S-Bahn um, wieviele vermieste Gesichter Sie da sehen. Mir ist es vor kurzem passiert, dass ich einsteige und denke: 'Um Gottes willen, wo bist Du denn?' Im Vorhof der Hölle hab' ich mich gefühlt. Das war so unerträglich, dass ich an der nächsten Station ausgestiegen bin."

  

Von sich selbst sagt sie, dass sie sich Gott sei Dank eine gewisse Disziplin dem Leben gegenüber erkämpft habe, dass sie alles, was kommt, als ihr Schicksal trüge. Sie hat viel ostasiatische Literatur gelesen und war zutiefst beeindruckt von den Japanern. "Diese unerhörte Beherrschung, die die Japaner haben", bewundert sie die Asiaten, "das, hab' ich gedacht, ist doch fabelhaft, dass man nicht explodiert bei jedem Dreck."

  

Je länger man mit Lina Carstens sprach, desto mehr wünschte man sich, sie würde die Erfahrungen und Weisheiten ihres langen Lebens aufschreiben. "Meine Memoiren zu Papier bringen?" Sie lachte. "Nein. Wenn man wie ich seit 1911 am Theater ist, hat man vieles mitgemacht. Aber ich sage mir: Die richtige Wahrheit kann ich noch nicht schreiben. Es gibt ja noch Beteiligte, die am leben sind. Oder sie haben Nachkommen, die kann ich doch nicht bloßstellen, wenn sich vielleicht die Wahrheit aufschreibe. Und ich selbst - ich habe ja allerhand erlebt und bin, weiß Gott, keine Nonne gewesen. Aber das geb' ich doch nicht preis!"

  

Das war im Herbst 1977 bei den Dreharbeiten zum Schimmelreiter. Es ist wohl eines der letzten Interviews gewesen, das die alte Dame gab. Es war ihre vorletzte Rolle. Als sie im Sommer 1978 noch das Fernsehspiel Wunnigel drehte, das das ZDF im Dezember 1978 ausstrahlte, war Lina Carstens schon krank. Sie wurde von Tag zu Tag schwächer, arbeitete jedoch präzise wie eh und je. Nach Ende der Dreharbeiten musste sie ins Krankenhaus. Eine Behandlung mit Medikamenten lehnte sie aus tiefster Überzeugung ab. Wie hatte sie noch ein paar Monate zuvor gesagt? "Man muss das Alter ruhig und ohne Angst auf sich zukommen lassen. Und ohne dass man x Medikamente schluckt. Wenn ich es künstlich an mich ziehen muss - das ist für mich kein Alter".

  

Lina Carstens, am 6. Dezember 1892 in Wiesbaden geboren, starb am 22. September 1978 in München. Drei Wochen später wurde, ihrem letzten Willen entsprechend, die Urne mit ihrer Asche in der Ostsee versenkt.

Jutta Hein

(Quelle: Das Fernsehspiel im ZDF, Information und Presse/Öffentlichkeitsarbeit, Heft 35, Dezember 1981 bis Februar 1982)

 

  

  

  

  

 

 

  

   

   

   

   

   

   

    

   

   

  

Layout: Rosemarie Kuheim

Bearbeitet: 19. Febr. 2016

  

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